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Berner Zeitung (2011) 
von Marie-Louise Zimmermann

 
Karin Richners zweiter Roman «Sieben Jahre Schlaf» lebt von präzisen Sinneseindrücken und einer poetischen Sprachmelodie. «Die Umwelt spiegelt das Innenleben einer jungen Frau auf der Reise nach sich selbst», sagt die Aargauer Autorin.

Lucie fährt im Auto durch Frankreich: «Das Licht verändert sich, je weiter ich nach Süden komme. So scharf ist die Landschaft gezeichnet, dass mich das Gefühl befällt, ich könnte mich blutig schneiden an den Konturen der Rebstöcke, mit denen die steilen Hänge bepflanzt sind, der Zypressen mit ihren knorrigen Stämmen und Ästen, der weiten, violett leuchtenden Lavendelfelder, der Steinsplitter auf dem Asphalt.»
Dann isst die junge Frau ein Eis unter bunten Schirmen auf einem Kirchplatz. Sie spürt Meerwind auf der Haut, schmeckt Salz auf den Lippen, lauscht dem Summen einer Kaffeemaschine, dem Stimmengemurmel und Brunnengeplätscher. Intensiv nimmt sie alles wahr, was von aussen auf sie einwirkt und präzise Jugenderinnerungen in ihr weckt. Denn sie ist unterwegs zu ihrer sterbenden Mutter, die sie seit zwanzig Jahren nicht gesehen hat.
Lucie, die manchmal auch Aline oder Vanessa hiess in ihrem unsteten Leben, ist vorwiegend bei ihrer Grossmutter aufgewachsen. Der vor allem an Pflanzen interessierte Vater nahm eine Stelle als Bauingenieur in Südamerika an. Die Mutter führte zwar ein kleines Café, ging aber lieber auf lange Reisen. Sie war selber als Kleinkind weggegeben worden von ihrer allzu jungen Mutter.
Die Geschichte der drei Frauen erscheint aber nur angedeutet in kargen Sätzen. Man möchte mehr erfahren über Lucies Liebesgeschichte, ihre Schwangerschaft, ihre Kinderlosigkeit. Doch solche wichtigen Ereignisse leuchten nur kurz durch die Ritzen zwischen den suggestiven Bildern des südlichen Sommers.
"Die Hitze verlangsamt und lässt Farben, Formen, Gerüche überdeutlich hervortreten. Auch Lucie steckt wie gelähmt fest in ihren Erinnerungen. So macht die Umgebung ihren inneren Zustand spürbar», sagt Karin Richner im Gespräch über ihren zweiten Roman, der eben erschienen ist. Die dreissigjährige Aargauer Lehrerin begann mit Lyrik, hat sich seit ihrem erfolgreichen Erstling «Sind keine Seepferdchen» (2006) aber ganz der Prosa zugewandt, der sie die Hälfte ihrer Arbeitszeit widmet.
Wie für ein gelungenes Gedicht hat sie so lange an ihrem schmalen Roman geschliffen, bis sich jeder Satz in den Rhythmus einer leisen Sprachmelodie einfügte – nicht zufällig sind die Wörter «verdichten» und «dichten» verwandt. Fragen nach autobiografischen Bezügen liebt Richner nicht, ihre Figuren kennen keine realen Vorbilder, und die Schauplätze hat sie nicht eigens recherchiert. «Das ist alles aus meiner Vorstellung heraus gewachsen, die sich natürlich auch von Erinnerungen nährt», so die Autorin. «Ich schreibe meine Romane nicht nach Plan, ich lasse sie entstehen.» Ein drittes Manuskript liegt bereits fertig vor.

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